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Wolf Schneider hat erklärt, wie Journalisten richtig schreiben.
Constantin Seibt erklärt, wie Journalisten ihren Job
behalten. Und ihr Herz.
Eine Buchrezension von Lena Steeg
"Deadline“ oder der eiskalte Romantiker
Mit Wolf Schneider saßen wir im
Auditorium. Wir lauschten seinen Thesen und Regeln, wir notierten so
schnell, dass die Finger schmerzten. Als er endete, waren wir überzeugt,
nun alles über guten Stil zu wissen. Und dass wir es nie so hinkriegen
würden.
Mit Constantin Seibt sitzen wir am Tresen. Wir notieren
nichts. Seibt legt uns den Arm um die Schulter und sagt etwas wie „Was
wäre, wenn wir es ganz anders machten?“ Und wir wissen, dass wir das
hinkriegen können.
Seit 2012 schreibt Seibt, 48, Redakteur beim
Schweizer Tages-Anzeiger, den Blog „Deadline“. Die ersten zwei Drittel
des gleichnamigen Buches sind ein andauerndes Erweckungserlebnis. Es
beginnt mit 15 Thesen zum aktuellen Stand der Branche. Darunter:
„Nachrichten sind keine attraktive Ware mehr“, „Fakten sind Dreck“,
„Effizienz ist tödlich“. Wer da noch nicht sitzt, sucht sich besser
schnell einen Hocker.
Wieso „Deadline“ ein so wertvolles Buch
ist: Seibt hat keine Angst. Aber Seibt hat schlechte Laune. Die
schlechte Laune hat er, weil er in einem System arbeitet, das nicht
verstanden hat, was sich ganz bewusst als doppelte Verneinung
formuliert: Nicht-Enttäuschung ist kein Verkaufsargument mehr. Die
Zeitungen haben jahrzehntelang geglaubt, Nachrichten zu verkaufen.
Stattdessen machten sie ihr Geld mit Gewohnheiten. Das reicht nun nicht
mehr. „Seriosität ohne Unterhaltung ist keine ernsthafte Seriosität“,
sagt Seibt. Der Leser muss begeistert werden. Mit Professionalität,
Kühnheit und Herz.
„Deadline“ ist ein revolutionäres Buch. Wenn
man zwischendurch kurz aufsteht und sich die Beine vertritt, rattern
augenblicklich diese Gedanken durch den Schädel: Wir killen den
Dreispalter! Wir schreiben den ungeheuerlichen Satz „Ich weiß es nicht“!
Wir formulieren die Berichterstattung über den Gewerkschaftsstreik als
Brief, als Märchen, als Liste! Nie wieder Halbdistanz! Wir wollen: Mehr
Zitate, mehr Respektlosigkeit. Haltung. Form. Stil.
Doch bevor es
zu wolfschneiderig wird, bevor die neuen Gebote die Revolution
aushebeln, schreiben wir mit Seibt lieber ein paar Bierdeckel voll. Er
notiert: Die Liste der Scheißgenres (Texte über Trends,
Experteninterviews, Umfragen). Die Liste der Supergenres (Der
Life-Ticker, das Bekenntnis, Texte von Szenekorrespondenten, der
Ich-Artikel). Wie viel Lust man da aufs Schreiben bekommt!
Mitte der Nacht, Mitte des Buches. Seibt nimmt jetzt Hysterie, nimmt Druck raus. „Coolness schlägt Geschwindigkeit
– immer.“ Lieber mal nicht sofort ein Thema auf gewohnten Wegen
abarbeiten. Stattdessen: warten, manchmal Tage, Wochen, Monate, um dann
den Weitwinkel einzustellen und den großen Wurf zu schreiben. Dazu: Mehr
Variation in der Form. „Die heutigen Zeitungen sind wie die
Irrenanstalten des 19. Jahrhunderts“, sagt Seibt. Die seriösen Storys
werden fast ausnahmslos in die Zwangsjacke des Nachrichtenstils
gesteckt. Ein System, das die Redaktionen und den Wahnsinn der Welt
gleichsam bändigen soll. Das sei so berechenbar wie gefährlich: „denn es
reagiert auf alles in etwa gleich.“ Seibt ist Romantiker. Er glaubt an
die Nichtaustauschbarkeit einer Geschichte. Und dass diese sich auch auf
die Form auswirken muss.
Es ist schon weit nach Mitternacht, der
Kopf ist schwer, voller Ideen. „Schreiben ist ein grausames Spiel“, sagt
Seibt und klopft uns ein letztes Mal auf die Schulter. „Aber eines der
wenigen, das sich zu spielen lohnt.“ Die nächste Runde geht auf uns.
„Deadline. Wie man besser schreibt“, Constantin Seibt. Kein & Aber, 320 Seiten. 24,90 Euro. Zurück |